Dekoration keramischer Fliesen: Die stille (R)Evolution

Seit gut einem Jahrzehnt revolutioniert die Inkjet-Technologie die Produktionsprozesse in vielen Industriesegmenten. In keiner anderen Branche verlief die Adaption des digitalen Druckverfahrens so rasant und lautlos wie bei der Dekoration von keramischen Fliesen. Als in 2011 ein börsennotierter Druckerhersteller den spanischen Keramikdrucker-Spezialisten Cretaprint übernahm, rieben sich die Analysten und IT-Marktforscher die Augen, denn die digitale Dekoration sollte das nächste „Big Thing" sein und ein immenser Wachstumsmarkt für die Digitaldrucktechnik. Experten schätzen, dass in den nächsten 3-5 Jahren bereits 35 % aller Fliesen digital dekoriert werden.

Zum Vergleich: In der Textilindustrie schreitet die Digitalisierung mit einem Marktanteil von 2 % langsam voran, obwohl auch hier die Inkjet-Technologie zwischen den Jahren 2000-2002 vorgestellt wurde. Für die Fliesenhersteller in China, Brasilien, Europa oder Indien sind die Vorteile gegenüber analogen Druckverfahren so signifikant, dass ihre hohe Nachfrage nach der Inkjet-Technologie dafür sorgte, dass die digitalen Drucksysteme schnell die Marktreife erreichten. Für die Fliesenhersteller lassen sich die Vorteile der digitalen Technologie in Zeit, Geld, Qualität und Zuverlässigkeit messen und den Return on Investment haben viele in Rekordzeit erreicht. So hat beispielsweise die Südafrikanische Ceramic Industries Limited auf einer Durst Gamma 75 HD knapp 4 Millionen Quadratmeter Fliesen in den letzten 12 Monaten digital produziert.

In Sachen Leistungsfähigkeit lassen die digitalen Systeme keine Wünsche offen und die fotorealistische Auflösung und die Flexibilität, schnell auf Anfragen oder Trends reagieren zu können, hat die gesamte Branche verändert. Das Design-to-Print Prinzip lässt heute Produktionen in wenigen Minuten starten, ermöglicht fast unlimitierte Variationen, höchste Druckqualität, spart Material und Kosten, verringert die Lagerrisiken und schont die Umwelt. Aber vor allem bietet es den Anwendern neue Marktschancen und ermöglicht den Einstieg in den globalen Wettbewerb. Mit der digitalen Drucktechnik und ihrer Vielseitigkeit hat die Fliese als funktionale Wandbekleidung oder als Bodenbelag den Wandel zu einer Projektionsfläche vollzogen. Heute ist die Fliese ein Interieur- und Design-Objekt, ein Präsentations- und Werbemedium.

Entsprechend vergrößern sich ihre Anwendungsbereiche und Möglichkeiten. Das Design, raffinierte Oberflächenstrukturen und -Effekte rücken in den Vordergrund und werden zum Differenzierungsmerkmal der Anbieter. Ob Reproduktion von Naturstein, Holz, Fotografien oder Gemälden - die Möglichkeiten der Inkjet-Technologie sind schier unerschöpflich. Die treibende Kraft hinter dieser Entwicklung sind nicht zuletzt die Tintenhersteller. Ob Torrecid, Ferro, Esmalglass-Itaca, Smalticeram oder Colorobbia, sie alle fungieren heute als Service-Provider, die neben der Tinte vor allem Designkonzepte anbieten und die Entwicklung im Markt vorantreiben. So werden bei den Designs neben den klassischen CMYK-Konfigurationen auch Sonderfarben wie Braun, Weiß, Schwarz oder metallische Effekttinten eingesetzt, um die Reproduktionen von beispielsweise Marmor oder Schattierungen und kräftigen Farben zu erzielen.

Doch auch die digitale Tinte kostet Geld und beeindruckende Designs haben ihren Preis. Hinzu kommen die Vorbehalte im Markt, wenn es um vollflächige Farben und den Tintenauftrag geht. Hierbei herrscht noch die Meinung, dass traditionelle Verfahren der Inkjet-Technologie überlegen sind. Aber auch hier ist die Entwicklung schon weiter. Der Einsatz von neuen Druckkopftechnologien mit Drop-on-Demand und elektronisch gesteuerten variablen Tröpfchengrößen ermöglicht bereits heute den Pikoliter genauen Tintenauftrag auf der gesamten Druckfläche - Kostentransparenz inklusive.

Inkjet-Spezialisten wie Durst bieten diese Innovationen modular an, so dass der Anwender entscheidet, wann und in welchem Umfang die Inkjet-Technologie bei ihm zum Einsatz kommt und erweitert wird. All diese Aspekte tragen dazu bei, dass sich die Digitalisierung im Segment für keramische Fliesen weiter fortsetzt, denn es ist nicht nur eine technologische Revolution sondern auch eine Evolution einer gesamten Branche und eines globalen Marktes. In naher Zukunft werden weitere Innovationen folgen. Denn nach der digitalen Dekoration und der Oberflächenstruktur wird die Funktionalität in den Fokus rücken. Darunter kann man sich durchaus die „intelligente" Fliese vorstellen, die zum Beispiel die Farbe wechselt, wenn sie im nassen Zustand ist – damit wird ein „Vorsicht, Wet Floor Schild“ überflüssig – dies ist aber nur ein Gedankenanstoß, um aufzuzeigen, wie die variablen Konzepte von Morgen digitale Dekoration, Struktur und Funktion vereinen werden.